Seite 2The Nine O'Clock Herald
DIE ERMITTLUNGEN
Die Firma, das Geld, die Flucht
Neue Recherchen des Herald: Ein Jahr vor dem Verschwinden sammelten die vier Männer Geld bei der Bevölkerung – dann führte ihr Weg nach Westen. Akten, Fahrkarten, wiederholte Fahrten und ein Zeuge erzählen eine Geschichte voller Rätsel.

BERLIN – Was bislang nur Gerücht war, ist nun aktenkundig. Dokumente aus einem Berliner Notariat, die dem Herald vorliegen, belegen: Am 28. April 2016 wurde die nine o'clock pictures GmbH gegründet.

Unterzeichnet haben vier Männer: André Jagusch, Alexander Scheer, Steve Patuta und Mirco Dziekanski. Die Unterschriften sind echt, die Formalien korrekt, Stempel und Datum stimmen. Nichts an diesen Papieren deutet darauf hin, dass sich die Spur der vier nur kurze Zeit später verlieren würde.

Die Gründungsakte ist die letzte amtliche Spur, die alle vier verbindet. Dann bricht die Überlieferung ab. Kein Dokument verrät, was aus den Gründern wurde, wohin sie verschwanden oder weshalb sich ihre Wege trennten.

Gerade deshalb ist dieser Fund für die Ermittler so brisant: Ein letztes Mal stehen alle vier nebeneinander, festgehalten durch Namen, Unterschriften und ein Datum. Danach beginnt das Rätsel.

Der Herald konnte die Akte einsehen. Heute liegt dieses letzte gemeinsame Lebenszeichen in einem unscheinbaren Karteikasten – sorgfältig verwahrt und seit über zehn Jahren nahezu vergessen.

Gründungsakte der nine o'clock pictures GmbH vom 28.04.2016
VERTRAULICH
Beweisstück: die Gründungsakte vom 28. April 2016.

Der Aufruf

Die Recherchen führen ein Jahr weiter zurück. Im Sommer 2015 tauchte in Berlin ein ungewöhnlicher Spendenaufruf auf – an Litfaßsäulen, auf Handzetteln, von Mund zu Mund. Der Zweck blieb vage: Es gehe um „die Fortsetzung“. Wofür genau, sagte niemand. Die Bürger gaben trotzdem, und sie gaben bereitwillig.

Am Ende kamen 10.268 Euro zusammen. Was genau damit fortgesetzt werden sollte, blieb offen. Wer gespendet hatte, bekam kaum mehr als ein Versprechen: Es werde weitergehen. Nachfragen blieben unbeantwortet. Quittungen gab es keine. Belege auch nicht. Manche Spender warten bis heute – und fragen sich, wofür sie gegeben haben.

Die Spur nach Westen

Wenig später häufen sich die Hinweise auf Reisen in den Westen der Republik. Reisedokumente, Fahrkarten und Quittungen belegen wiederholte Aufenthalte in der Lüneburger Heide. Was die Männer dort taten, ist unbekannt. Ein Zeuge will ein altes Stahlungetüm auf Schienen gesehen haben – und Männer mit Koffern. Immer wieder dieselbe Strecke, immer wieder dieselbe Gegend.

„Sie hatten einen Koffer
voller Geld dabei.
Und sie wollten diesen Zug.“– ein Zeuge aus der Lüneburger Heide

Abgehauen?

Haben sich die vier mit dem Geld in den Westen abgesetzt? Die Ermittler schließen nichts aus. Fest steht nur: Seit 2016 ist keiner von ihnen zurückgekehrt. Das Geld ist ebenso verschwunden wie die Männer, die es gesammelt haben – und mit ihnen jede Erklärung. Die Ermittler prüfen jede Quittung und jede Fahrkarte. Immer wieder taucht dabei derselbe Titel auf: American Showdown. Nur ein Name – oder ein Plan?

COLD CASE
Zeitungsausschnitt: ICE mit Pistole gestoppt – Irrer Film-Star muss blechen
Aus dem Archiv des Herald, 2005.
Moskau 2005: Gala Nachtendet in einem Medienskandal
Eine Gala in Moskau, sieben Filme, eine überstürzte Flucht in den Westen – und ein Schauspieler, der bis heute Rätsel aufgibt. Was geschah in jener Nacht in Moskau wirklich – warum stieg er in den Zug?

MOSKAU – Es war die Nacht, in der der Fall American Showdown öffentlich wurde. Im Jahr 2005 tauchten die sieben Filme in Moskau auf – bei einer großen Gala, mitten in der Stadt. Gezeigt wurden alle sieben Teile an einem einzigen Abend. Noch in derselben Nacht gingen die VHS-Kassetten in großer Stückzahl über den Tisch.

Die Flucht

Doch irgendetwas muss in dieser Nacht schiefgelaufen sein. Am nächsten Tag ist Alexander Scheer bereits auf dem Weg nach Westen. Er sitzt im ICE nach Hamburg, im Gepäck eine Pistole. Unterwegs wird der Zug gestoppt. Die Polizei stürmt den Waggon, der Zug steht still. Die Fahrgäste halten den Atem an.

„Der Film-Star,
der den ICE stoppte.“– die Boulevardpresse, 2005

Die offizielle Version

Die Pistole: ein Spielzeug, ein Requisit aus den Filmen. Das Ziel der Reise: das Theater in Hamburg, wo Scheer am Abend den Othello spielen sollte. So jedenfalls die offizielle Version. Die Boulevardpresse feierte ihn als „den Film-Star, der den ICE stoppte“. Die Bahn forderte Schadenersatz in Millionenhöhe für die Verspätungen. Auch der Herald berichtete damals.

Flucht, damals wie heute?

Damals ein Zug, der gestoppt wurde. Heute ein Mann, der verschwunden

ist. Zwischen beiden Ereignissen liegen jetzt mehr als 21 Jahre – eine Frage bleibt: Wovor ist Alexander Scheer geflohen? Für die Ermittler ist er ein großes Rätsel und der Schlüssel zum Fall.

Wieder ein Zug

Und noch etwas lässt die Ermittler nicht los: Wieder spielt ein Zug eine Rolle. 2005 der ICE nach Hamburg, zehn Jahre später ein altes Stahlungetüm in der Lüneburger Heide, gesehen von einem Zeugen. Dazwischen Männer mit Koffern. Zufall – oder ein Muster, das bis heute niemand versteht? Die Ermittler schweigen dazu. Der Herald bleibt an der Sache dran und berichtet in der nächsten Ausgabe ausführlich über den Stand der Ermittlungen.

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Nr. 001

Berlin Edition · Est. 2016 · 90¢