
BERLIN – Um zu verstehen, wo Christoph „Booma“ Heil geblieben ist, muss man zurück an den Anfang. Berlin, Mitte der Neunziger. Die Mauer ist gefallen, die Stadt liegt offen da. Ganze Straßenzüge stehen leer, Fabrikhallen verfallen, auf den Dächern wächst Gras. Wem was gehört, weiß oft niemand so genau.
Es ist die Zeit der Abwicklung. Betriebe werden geschlossen, Grundstücke wechseln den Besitzer – oft unter der Hand und zu Preisen, über die später niemand mehr reden will. Spekulanten ziehen durch die Stadt. Wer Geld hat, kauft. Wer keins hat, nimmt sich, was übrig bleibt: leere Hallen, Hinterhöfe, Brachen bis zum Horizont.
In diesen Revieren tauchen sie auf: eine Handvoll junger Männer mit einer Videokamera, Plastikpistolen und Blitzknallern. Sie drehen kurze Actionfilme wie in Hollywood – nur ohne Geld, ohne Drehgenehmigung und ohne Rücksicht. Verfolgungsjagden durch Hinterhöfe, Schießereien in Fabrikhallen, Motorboot-Verfolgungsjagden auf der Spree. Passanten werden ungefragt zu Statisten. Die Polizei ist überfordert. Die Nachbarn ziehen die Gardine zu.

Geschnitten wird nachts, zwischen zwei Videorekordern. Die Filme gehen auf VHS-Kassetten von Hand zu Hand. Kein Kino zeigt sie, und doch kennt sie bald die halbe Szene. Zwischen 1996 und 2001 entstehen so die ersten sieben Teile der Kultserie American Showdown.
Bei den Recherchen des Herald tauchte in einem alten Karton ein Foto auf. Drei junge Männer stehen vor einem Fabriktor, irgendwo in Berlin.
Links steht Alexander Scheer, rechts filmt André Jagusch. In der Mitte, mit dem Rücken zur Kamera: ein Mann mit dichtem Lockenkopf. Sein Gesicht ist nicht zu sehen. Und doch sind sich die Ermittler sicher: Es ist Christoph „Booma“ Heil.
Die drei gelten als Gründungsmitglieder jener Untergrund-Filmgruppe, aus der Jahre später die nine o'clock pictures GmbH hervorgehen sollte. Warum zeigt Booma sein Gesicht nicht? Wusste er schon damals, dass er irgendwann untertauchen würde?
Wer heute nach Beweisen sucht, sucht vergeblich. Die Hallen sind abgerissen, die Grundstücke verkauft, die Brachen bebaut. Wo damals geschossen wurde, stehen heute Wohnhäuser und Büros. Die Stadt hat ihre Spuren verwischt – und mit ihnen die Spuren der Männer. Geblieben ist eine Frage: Wo ist der fünfte Mann?